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01. August (Tag 1): "Ok..." Wir sind am Start! Die offizielle SUGARBIRD-Welttournee ist gestartet! Der 20-liter-A-Team-Panzer (Umweltzonenschreck!) rollt nun wieder quer durch Deutschland um die wichtigsten und gleichermassen kleinesten und unaufdringlichsten Locations anzusteuern. Vier junge Männer sitzen geduldig in diesem Bus, und sind heiss auf eine heisse (?) Woche voller Musik, Rock und Roll, Sex, Alkohol, schmutziger Wäsche und gegenseitigem Angegeife und -gepfeife. |
02. August (Tag 2): ICH SPASTE AB! ICH SPASTE AB!! Das fängt ja gut an! Durch ein sehr reichhaltig bereitetes Frühstück versucht Samu, der Bassist von HERR Stilz, uns auszudrücken dass er uns trotz der vielen Gemeinheiten, durch die wir immer wieder das Zusammensein belasten, immer noch ein bisschen gerne hat. Wir lassen uns das gefallen und hauen ordentlich rein. An dieser Stelle noch einmal danke an die Familie Dinkel für die Gastfreundschaft und das Verständnis. Ausser einer zerborstenen Glühbirne und einer unkenntlichgesch... Toilette haben wir kaum Schäden verursacht. |
03. August (Tag 3): Schwan... ... äh Schwarzwaldcamping & 1. Day-Off Meine lieben Herren Gesangsverein aber auch! Die vier Musketiere des Rock und Roll sind immer noch auf Achse. Weder Schweinegrippe noch Samu's gefährliche Attacke mit einer abgelaufenen Packung Kochschinken können die Jungs aus dem Tritt bringen. Auch diesen Morgen begehen wir wieder mit einem zünftigen Frühstück in einer Zweit- bzw. Drittwohnung eines Familienmitglieds der Grossfamilie Dinkel. Im herrschaftlich gelegenen Penthouse von Samu's Schwester erleben wir nicht abschliessbare Planschabenteuer in der Nasszelle und fröhnen defektem Refused-Schellack. Mit Hilfe von überdosiertem CeTeBe und weiteren intravenös verabreichten Multivitamin-Intensivkuren erreichen wir einen dauerhaften Level der scheinbaren Glückseligkeit, wodurch uns auch das sonst so schwer dahergängige Packen locker von der Hand geht, als wäre es aus Zuckerwatte! Und schon sitzen wir auch wieder im Bus und weiter geht's. Es ist geplant, im nahegelegenen Einkaufzentrum kurz einen Zwischenstopp einzulegen um uns mit teilweise haarsträubend unwichtigen, aber noch nicht vorhandenen Gegenständen einzudecken. Auf unserer Liste steht: Billiger Grill, Einweggrill, keine Holzkohle, Heizpilz, bequeme hauchdünne Aluminiumfolie zum Draufliegen, Lackmuspapier und frische Zweige. Unsere Einkaufstour geht sich locker an, wir eröffnen mit einem kurzen Abstecher ins Bauhaus, wo wir uns drei blitzenagelneue 7,99 Alu-Koffer leisten, in die wir dann stolz unseren überabzählbaren Kleinkram bugsieren. Um aufkeimenden Stress beim Einkauf entgegenzuwirken, entschliessen wir uns ohne grosses Nachdenken dazu, mehrere 1-EURO-Läden abzuklappern. Wir sind uns sicher, dort aktuelle Bademode für den Herrn vorzufinden und den ein oder anderen bezahlbaren Spass abzugreifen. Dass wir mit dieser Vermutung ordentlich ins braune greifen, erkennen wir spät, zu spät. Resultat: 2 schlechte Fackeln (wovon eine bereits zerbrochen verkauft wurde!), einen hässlichen aber billigen Cowboy-Hut, und noch einige beinahe gekauften Badehosen Marke Strandschreck und diverse Furzkissen. |
04. August (Tag 4): Rektal-Extensions oder Das weite Land Gääääääääääääääähn ... Was für ein herrlicher Morgen am Ufer eines landschaftsspaltend daherplätschernden Pseudoflusses, die Sonne im Zelt, den Hirschkäfer in den Zähnen, und die deutlich wahrnehmbaren Stimmen der Mitreisenden immer im Hintergrund, locker scherzend und frohlockend ... Ich schiebe kurz entschlossen mein von Skorbut gezeichnetes Informatikergesicht aus dem schnell aufgebauten Käschjuah-Zelt und stemme mir mit einer rostigen Gabel den Morgendreck aus den Augen. Das Erwachen. Beginnt jetzt. Ist aber noch nicht abgeschlossen. Es fehlt noch z.B. Kaffee und eine Dusche. Aber dazu später mehr. |
05. August (Tag 5): Auch der fünfte Tourtag fängt ganz gut an. Wir stolpern schlaf- und schnapstrunken in Jürgen's Grossraum-Single-Küche, wo auch schon ein liebevoll arrangiertes Frühstück auf uns wartet. Nach der obligatorischen Dusch-Stafette, bedeutungsloser frühstückbegleitender TV-Unterhaltung durch Al Bundy und einem erneuten Gewaltmarsch durch das nun sonnenerleuchte Mühringen, errreichen wir den geliebten Bus und die zweite Hälfte von SUGARBIRD, die in Form von Kevin und Thomas die Nacht im Bus verbracht hatte. Der alkoholtechnische Zustand von unserer Schlafgelegenheit Jürgen hatte bei dem ein oder anderen von uns durchaus Zweifel ausgelöst. Was nun kommt ist schnell erzählt: Wir packen, wir spacken, stehlen noch das ein oder andere Mineralwasser/Spezi aus Uwe's übersichtlich organisiertem Küchenbereich, und packen dann freudig den Bus. Mittlerweile geht uns das gut von der Hand. Zu allem Überfluss sorgt dann auch noch eine in der Nähe stehende, heissgewordene Biomülltonne für kurzweilige Geruchsspäße beim Räumen. Ja, man kann getrost sagen, es geht uns wirklich gut, jetzt so am Mittelpunkt der Tour. Nachdem wir dann noch die leergezauberte Batterie in Thomas' Bus durch das fachmännische und funkensprühende Einwirken von Jürgen wieder aktivieren können, sind wir auch schon wieder auf Achse und ihr wieder auf dem aktuellsten Stand. Nach einer langen und kräftezehrenden Fahrt erreichen wir meine Heimatstadt Ober-Ramstadt, vielen auch als das sympatische „Racoon City“ des Odenwalds bekannt. Bevor Pheider uns für ca. 24h verlässt um nach hause zu fahren und nach dem rechten zu sehen, entscheiden wir uns noch kurz den hiesigen REWE Markt zu besuchen, um unseren Bedarf an Lebensmitteln für einen Tag zu decken. Wir gehen diesmal sehr koordiniert und überlegt zur Sache und geben insgesamt nur ca. 327 EUR aus, wobei wir uns wirklich auf die nötigsten Lebensmittel beschränken. Danach begeben wir uns direkt zu unserem heutigen Endlager, meiner kleinen Wohnung auf dem Hügel am Rande der Zivilisation. Auf dem Weg vom Bus zur Wohnung fallen uns die Nachbarn auf, die mit neugierigen Blicken beobachten, welche jungen Herren sich der seltsame junge Mann von gegenüber da wieder eingeladen hat, und wie lange das Treiben heute wohl wieder dauern mag. Ich versuche ihren Blicken auszuweichen und setze mein Das-sind-echt-nur-meine-Bandkollegen-Gesicht auf. Als wir dann endlich angekommen sind, fangen wir sofort an die Wohnung schmutzig zu machen und waschen unsere Tour-Wäsche, so wie es sich eben für moderne emanzipierte Rocker im 3. Jahrtausend gehört. Danach nehmen wir unser gemeinsames Candle-light Dinner auf dem Balkon ein. Es gibt reichlich Grillgut, und Thomas liefert auch diesmal wieder eine souveräne Vorstellung als Gernegrillmeister. Der gute Eindruck kann auch nicht durch die Tatsache getrübt werden, dass er immer noch die Hände zum Drehen der Würste und Fleischlappen benutzt, und sich wie immer einige hochgradige Verbrennungen an den Fingerkuppen zuzieht. Nachdem wir gesättigt und schwerverletzt unser gemeinsames Mal beendet haben, geht es an den arbeitsreicheren Teil des Abends. Die Marketingmaschinerie von SUGARBIRD bäumt sich ein letztes Mal auf gegen die übliche chronische Anonymität, und wir entscheiden uns noch einige Flyer und Informationspamphlete für unser nächstes Ziel Berlin zu kreieren. Mir fällt zu diesem Zeitpunkt zum ersten mal auf, dass sich die allgemeine Frequenz von Späßen nach dem Abschied von Herr Stilz am Cafe AmErika deutlich verringert hat. Ich vermute, dass es eben die Jungs sind die lustig sind, und nicht wirklich wir selbst. Wir sind eher so was wie Spaßparasiten, die in dem Fell ihrer Wirte sitzen und warten, bis sie etwas zu lachen mitbekommen, was halt abfällt wenn sich die anderen amüsieren. Das deckt sich übrigens auch mit den Beobachtungen bei den Konzerten, wie weiter oben bereits erläutert. Andererseits sind es gerade die humoristischen Lowlights von SUGARBIRD, die zusammen mit den Highlights von Herr Stilz eben diese unnachahmliche Spass-Dynamik erzeugen. Wir passen einfach super zusammen. Vor dem Schlafengehen kommt noch einmal kurz Freude auf, als wir die bisherigen Foto- und Videoaufnahmen der Tour sichten bzw. löschen. Wir entscheiden uns dazu, aus all den hunderten von Fotos erst einmal die „Highlights“ auszuwählen, in einen neuen Ordner „Highlights“ zu kopieren, und dann erst die absoluten Unterhaltungskleinodien zu selektieren. Leider ist der Ordner nach den ersten drei Durchgängen immer noch leer, und nach zähem Ringen finden wir dann doch eine Handvoll halblustige, teilweise vollkommen irrelevante Darstellungen und entscheiden uns letztendlich für die Veröffentlichung (hoffentlich heute im Laufe des Tages!). Es ist jedem sonnenklar, dass wir uns dem Thema Foto/Video in den nächsten Tagen mit noch mehr Muse und Sachverstand nähern müssen. Die Nacht verbringen wir in den üblichen Arrangements: Thomas auf seiner mühevoll aufgeblasenen bzw. aufgetrampelten Luftmatratze, und Kev und ich im Bett, wobei nachts allerdings nichts passiert ist zwischen uns. |
06. August (Tag 6): Die Rock und Roll Initiation Der Tag, an dem unser musikalisches Rock-Quartett seine ultimative Rock-und-Roll Initiation erfahren soll, beginnt relativ unscheinbar und friedlich. Nach gemeinsamem Langausschlafen und ewigem gefrühstücke brechen wir gut gelaunt mit unserem alten dicken Spass-Fahrzeug auf zu unserer nächsten Location, die sagenumwobene „Goldene Krone“ in Darmstadt. Sagenumwoben ist natürlich herzlich übertrieben, es handelt sich lediglich um eine dieser gemütlich-dunklen leicht angeranzten Hafenspelunken mit subtiler Harz-IV-Romantik. Durch intensive Vorgespräche mit den Veranstaltern wissen wir bereits jetzt, dass uns dort eine kleine Bühnentechnik-Wüste in Mitten des Hochtechnologiestandorts Darmstadt erwartet, und wir fühlen uns wohl bei dem Gedanken dass wir vorgesorgt haben, indem wir eigene Technik und gesenkte Erwartungen von zuhause mitgebracht haben. Haupt-Event in der Krone ist heute übrigens ein weltweit bekanntes Tischfussballturnier, welches wohl wöchentlich stattfindet und Fußballfreunde und Medienberichterstatter aus aller Welt anlockt. Der offizielle Leiter des Kickerturniers, der den Abend über immer wieder durch informative Durchsagen über das aktuelle Turniergeschehen von sich hören macht, wird von uns zunächst fälschlicherweise als der Chef vor Ort interpretiert. Wie sich später herausstellt war das ein leidenschaftlicher Fehler. Nachdem wir dank der heutigen Panik-Planung 2 Stunden vor der verschlossenen Kneipe absolut sinn- und wehrlos abgehangen hatten, öffnet uns die Krone ihre abgewetzten Pforten und wir beginnen sofort mit Eifer, unsere Backline aufzubauen. Zwischendurch gönnen wir uns noch die ein oder andere Portion Glutamat mit Nudel beim Asiaten um die Ecke und beginnen rechtzeitig, unsere Getränkebons so schnell wie möglich aufzubrauchen. Das Kickerturnier läuft mittlerweile parallel an und so vor sich hin, und wir entscheiden uns dazu, später während des Konzerts Rücksicht zu nehmen, durch gegenseitige respektvolle Ignoranz. Die Toiletten in der Krone sind übrigens eine Sehenswürdigkeit für sich, und stellen sozusagen eine Attraktion in der Attraktion dar. Der stechende Harn- und Fäkalgeruch ist bemerkenswert und denkmalschutzreif zugleich, hier haben wohl bereits in den 30er Jahren hohe Nazifunktionäre ihr Gemächt geschwungen, schiesst es mir spontan durch den Kopf. Die bunt verkrusteten Ablagerungen und Rückstände im Pissoir-Porzellan lassen außerdem darauf schließen, dass hier nicht immer nur kleine Geschäfte abgewickelt wurden. Auch beim Waschbecken gilt dann wiederum wie so oft: Wer’s berührt, hat verloren. In einem stillen Augenblick, als Pheider und ich verträumt an unserem Stammtisch rechts vor der Bühne so vor uns hin existieren, besucht uns die Managerin des Hauses zum kurzen Briefing vorm Konzert. Sie wirkt durchaus attraktiv, knapp über dreissig, kühl und beherrscht, selbstbewusst sonnenbebrillt und mit einem leichten BWL-Einschlag. Wir stellen uns artig vor, mit kraftvollem selbstbewusstem Händedruck (bzw. eher schlaffer kalter toter Fisch), und die Managerin fängt an, ihr üblich knappes Informationsprogramm herunterzubeten. Da sie eine Frau ist geben wir ihr das Gefühl genau zuzuhören und nicken hin und wieder interessiert mit dem Kopf. Ihre etwas herablassende Art und Weise, wie sie mit uns offensichtlich schlecht ausgebildeten und sozial degenerierten Musikern umgeht, bringt uns zu diesem Zeitpunkt nicht aus der Ruhe, und wir lassen weiter ihr hohl-phrasiges Palaver auf uns einprasseln. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass diese Frau später den Abend auf ihre spezielle humorvolle Art beenden wird. Doch dazu später mehr. Wir lauschen also ihren Ausführungen, erfahren z.B. dass wir nicht zu laut sein dürfen (ja, genau, wegen der Kinder!) und dass man evtl. über einen kleinen Gage-Bonus reden könnte, falls wir zusätzliches Publikum mobilisieren konnten. Das würde bedeuten, dass wir dann tatsächlich mehr als die vereinbarten 30 EUR bekommen würden. Was die höhe der Gage angeht muss man hier ehrlicherweise sagen, dass ich bei den vorangegangenen Gage-Verhandlungen doch ein nicht zu übersehendes Maß an kaufmännischer Schläue und Gerissenheit an den Tag gelegt habe… Die Vorstellung eines prozentualen Extra-Bonus zu den 30 EUR verursacht bei uns natürlich keine großspurigen Urlaubs- und Reichtumsphantasien, aber wir nehmen den guten Willen des Veranstalters gerne zur Kenntnis. Da wir außerdem wie üblich niemanden mobilisiert hatten, wäre uns natürlich auch ein Millionen-Euro-Bonus durch die Lappen gegangen. Nachdem die Managerin uns dann nochmals darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir nicht zu laut sein sollten, und wir wieder unterwürfig mit unseren kleinen unterbelichteten Musikerköpfen genickt hatten, verlässt sie wieder unseren Tisch und schlendert überlegen zurück zu ihrer vorherigen Gesprächspartnerin, der zuckerschnäuzigen Bedienung hinter dem Tresen. Das eigentliche Konzert, das auf Grund eines krassen Kommunikationsfehlers zwischen Band, Managerin, Bedienung, Turnierleiter, unbeteiligten Gästen und Getränkelieferanten entstand, konnte das Konzert erst deutlich später als erwartet beginnen. Nachdem uns der gut gelaunte Turnierleiter grünes Licht gegeben hatte, und auch auf das Thema Lautstärke nur mit einem dahergelächelten Augenzwinkern entgegnete, gingen wir auf die Bühne und zündeten unser musikalisches Feuerwerk. Mittlerweile waren einige neugierige Zuschauer im Konzert-Separé erschienen, und die ersten Klänge schienen sie zweifelsfrei zu begeistern. Zu den 3 Zuschauern gesellten nach einer Weile auch ein paar bekannte Kollegen von mir, denen ich vorher jeweils 50 EUR versprochen hatte. Der Gig lief wirklich gut an, wir peitschten unsere Songs nur so heraus, und fühlten uns auf der grosszügig beteppichten Bühne pudelwohl. Bis dann das Ende nahte. Es begann damit, dass die Zimt-Schnecke von der Theke mit panischer Mine zur Bühne stürzte und begann wild mit den Armen zu fuchteln. Sie schien eine Geste zu machen, als wollte sie dass wir ihr helfen eine Glühbirne einzuschrauben, oder den Herd ausschalten, … oder etwa unsere Anlage leiser stellen!? Wir konnten unseren Augen nicht trauen! Diese Frau verlangte von uns, einer waschechten Rock und Roll Band, dass wir unser brachiales und episches Klangfeuerwerk auf Bussibär-Lautstärke herunterfahren, damit dem Opa drei Strassen weiter nicht das Gebiss aus dem Mund fällt. Unsere erste Reaktion war wie üblich die gute alte Tante Ignoranz, und wir spielten erst einmal in Seelenruhe den Song zu Ende. Danach fragten wir ganz in Demokratie-Manier im Publikum nach ob die Lautstärke dem präsentierten Inhalt und den Hörgewohnheiten denn angemessen sei. Dem freudigen Gejohle der größtenteils betrunken Leute und dem grinsbegleiteten Daumen-hoch es Turnierleiters (wir dachten zu dem Zeitpunkt noch, es sei der Chef des Hauses) entnahmen wir, dass alles bestens sei und wir wie gewohnt weiter dröhnen und krawallmeiern durften. Das ging dann auch ein paar Songs gut, bis wir wiederum jäh unterbrochen wurden und diesmal die Chefin persönlich mit einem gar grässlichen Jammern und Klagen in der Stimme drohte, dass wir aufhören müssten wenn wir die Lautstärke nicht unverzüglich auf die Hälfte reduzieren würden. Uns war zwar klar, dass diese subtil gebildete Frau wohl keine Ahnung hatte, was halb so laut genau meinte, aber wir waren natürlich trotzdem erschüttert. Da kommt diese jammernde Miesepetra einfach daher und will uns unsere Eier abreissen! Das ist ja wohl die Höhe an allgemeiner Frechheit! Schnell muss eine Entscheidung her, und wir sind uns ausnahmsweise alle vier schnell einig, dass wir uns das nicht bieten lassen und wir verkünden das sofortige Ende des Konzerts. Das Publikum ist natürlich schwer enttäuscht, und äußert seinen Unmut lautstark in Richtung Managerin und Theke im Hintergrund. Gerade als wir mit dem Abbau beginnen, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen, stürmt mein mittlerweile sichtbar angeheiterter Kollege die Bühne und greift sich eine Gitarre aus dem vorhandenen Musikalienpark. Ohne Zeit zu verlieren stimmt er ein kleines Liedchen an, was in der Strophe wohl so in die Richtung „Ja die Krone, die ist so uncool …“ geht, und dann im Refrain auf etwas à là „Krooooooone, ihr scheiss *&$/§?!!, lalalala ….“ gipfelt. Der gutgemeinte Protestsong meines Kollegen löst unmittelbar eine Kettenreaktion aus, wobei die Kette hier nur aus einem Kettenglied besteht: Sicherung raus. Da standen wir nun, in absoluter Dunkelheit, auf der Bühne und bereits mitten im Abbau. Ich vermute es war so dunkel dass der Managerin nicht einmal unser allseits zufriedenes Grinsen aufgefallen war. Sie mag uns gedroht und den Strom abgestellt haben, aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen. Nein viel mehr, wir sind jetzt eine richtige Rock und Roll Band, eine Band der man den Strom abstellen musste, weil sie zu laut war. Eine Maschine, die man nur noch abschalten konnte, da sie nicht anders zu kontrollieren war. Wir waren stolz wie Oskar! Wir waren zu laut! Endlich zu laut! Um unseren ehrenwerten Absichten weiterhin Nachdruck zu verleihen beschließen wir unverzüglich, auf die Gage von 30 EUR zu verzichten. Thomas, der von uns anscheinend am meisten Wut in sich aufgestaut hat, entschließt sich darüber hinaus dazu, seine übrigen Getränkebons nicht mehr einzulösen, um damit der Krone finanziell zu schaden und so grausame Rache zu üben. Den Rest des Abends verbringen wir bei einigen lockeren Bieren und Whiskeys an der Bar der Krone. Unser dramatischer Abgang hat einen weiblichen Gast mittleren Alters auf uns aufmerksam gemacht. Wenig schüchtern prostet sie uns zu und verzaubert uns mit ihrem gewinnenden Piratenkapitäns-Lächeln. Sie läst sich nicht daran hindern, uns eine Runde Getränke zu spendieren und lockert unsere eigentlich geschlossene Gesprächsrunde durch wahllos wirkende Einwürfe auf. Durch den scheinbar nie erschöpfenden Vorrat an Zaubersaft in ihrem Glühweinbecher scheint sie immer wieder auf neue verrückte Ideen zu kommen. Nachdem wir am Ende dann auch wieder Licht auf der Bühne bekommen haben, und die letzten Kleinteile in den zahllosen Kisten und Koffern verstaut sind, heißt es Abschied nehmen von der Goldenen Krone und ihrem ambivalenten Inhalt. Trotz des massiven Schiefgehens des Abends klingt ein bisschen Wehmut in der Luft, lautstark unterstützt von der Jonny Cash Endlosschleife des offensichtlich abwesenden DJs. Ein Tag mehr ist vorüber, ein Tag näher am Ende der Tour. Ich muss mir ein bisschen Trauer eingestehen, als wir dann nach hause schaukeln, um uns herum nur dunkle Nacht und Nachgedanken eines wilden Abends. Das sanfte Kitzeln unseres Basilikum-Talismans in der Beifahrertür beruhigt mich irgendwie und ich kann mich kaum noch wach halten. Schließlich erreichen wir wieder unser hoch- und jenseits von Gute und Böse gelegenes Nest und ich verwirke den späten Rest des Abends mit noch ausstehenden Marketingaktivitäten. |
07. August (Tag 7): Auf nach Berlin! Heute ist es also soweit. Wir verlassen den Großraum Westdeutschland und dringen ein in den Großraum Ost-Deutschland. Unser Ziel lautet Zosch-Club, Berlin. Thomas hat sich vor lauter Freude auf die spaßige Langfahrt die ganze Nacht (also 3-6 Uhr) wach im Bett gewälzt und ist nun durch die nachhaltige Schlaflosigkeit ideal vorbereitet auf die geplanten 8-10 Stunden Fahrt bei hochsommerlichen klimaautomatiklosen 30-35 Grad. Da er entschieden hat, dass wir uns ein heimisches Frühstück zeitlich nicht leisten können, müssen wir uns mit einer kaffee- und speckhaltigen Einkehr in einem bekannten Fastfood-Restaurant am Wegesrand begnügen. Gut gestärkt setzen wir unseren Weg fort, bis zum nächsten Rasthof, wo noch schnell das obligatorische Tour-Speckheft ausgesucht wird. Hier ist wieder der Rat und die Erfahrung eines jeden einzelnen gefragt, und nach endlosen Diskussionen können wir uns schliesslich auf „Frauen ab 40“ einigen, jedoch nur wenn wir auch noch zusätzlich die „Frauen 50+“ nehmen. Nach heiterem Blättern und Vorlesen einiger ausgesuchter Artikel aus den beiden Informationsbrochüren steigen wir wieder in unseren Bus und setzen die Fahrt gen Berlin fort. Thomas ist mittlerweile extrem konzentriert, da der ihm immer weniger gehorchende Benzinvernichter seine ganze Aufmerksamkeit fordert. Wie ich selbst später feststellen werde, ist die letzte Steuerungsmöglichkeit die unser gezeichnetes Gefährt noch bietet, eine mehr oder weniger zufällige Kombination aus Bremsen und Gasgeben, und zwar am besten gleichzeitig. Wer will denn schon dass ihm bei Tempo 120 auf der Autobahn der Motor ausgeht… Kurz bevor in mir Angesichts dieses Todesmutes, die unser geschickter Fahrer und Tourveranstalter Thomas da an den Tag legt, erste Anzeichen von so etwas wie Bewunderung aufkeimen, fällt mir plötzlich wieder siedend heiß ein dass ich im selben Bus sitze, und somit sein Schicksal ungewollt teile. Schnell versuche ich an etwas konsequenzfrei Schönes zu denken. Irgendwann am frühen Nachmittag passieren wir die für eine Hauptstadt relativ reizlose Stadtgrenze Berlin’s. Jetzt sind es nur noch ca. 120 km, erklärt Thomas emotionslos, seinen Blick weiter konzentriert nach vorne gerichtet. Die Hände zu Fäusten geballt ums Lenkrad geschlungen, die Arme zum zerbersten gespannt und auf seiner Stirn glitzert ein silbriges Netz von Schweissperlen und Juwelen, gegossen aus reiner konzentrierter Angst, gestreckt mit hochdosiertem Wahnsinn. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich mit diesem Fahrzeug noch einmal auf eine solch waghalsige Tour einlassen wird, ich entscheide mich dann aber doch mir den Kommentar über die doch offensichtlich notwendigen Reparaturen zu sparen, da ich vermute dass er das bereits auch weiß. Angekommen an unserem ersten Zwischenziel bin ich zunächst irritiert. Thomas hatte uns doch ein Hotel versprochen! Jetzt sind wir endlich in Berlin und jetzt heisst es von der Tourleitung lediglich lapidar, dass wir in einem einfachen Appartement unterbracht seien. Naja, sind wir mal ehrlich. Ich bin mir sicher dass Thomas öfters wiederholt hatte dass es ein Appartment sei, allerdings muss dass wohl wieder einmal mal in meinem feinmaschigen Schutzmantel der Gleichgültigkeit hängengeblieben sein. Wenigstens heißt die Unterkunft „Heike’s Appartements“, oder so ähnlich. Ich schraube meine Erwartungen sofort mit einem pressluftgetriebenen Dampfschrauber herunter auf Meeresspiegel. Thomas erläutert uns noch kurz, dass es sich nicht um 4 2-Bettzimmer bzw. 4-Doppelzimmer, bzw. 8 Einzelzimmer handelt, wie ursprünglich angenommen, sondern um ein einzelnes 2x2-Bett-Zimmer. Dieses Feuerwerk an Zahlen und mathematischen Gleichungen, unterstützt durch meine stetige Unterinformiertheit und Ignoranz, bewirkt bei mir sofort ein gewisses Maß an Verwirrung. Schnell helfe ich mir durch spontanes Gestänkere und weitere heftige Unmutsäusserungen. Nachdem ich mir den Mund trockengemotzt habe, und mir der eigentliche Grund der Aufregung auch schon wieder entfallen ist, kommt auch schon Kevin aufgeregt zurück gestürmt aus dem schmal dazwischengebauten senfgelben Gebäude und berichtet uns heftig hyperventilierend, dass der Portier am Eingang unserer Pension „Nullpunkt“ wahrscheinlich der Gruppe der gleichgeschlechtlich orientierten Mitmenschen zuzuordnen sei. Er sei sich sicher, da er es an der Stimme und einem zugehörigen hornfarbenen Pudel erkannt habe. Ausserdem hätte er offensichtlich mit ihm geflirtet. Also der Portier mit Kevin. Wir werden nun wirklich skeptisch und mit leichtem Unbehagen schreiten wir etwas zögerlich und bedachten Schrittes durch das gläserne Portal unserer heutigen Schlafstätte. Ich schaue mich ständig um, links, rechts, hinten, vorne, wieder hinten, versuche den Portier rechtzeitig zu erkennen, jedoch bekomme ich nicht einmal den Pudel zu sehen. Sichtlich erleichtert, aber doch irgendwie leicht enttäuscht über das entgangene Erlebnis steigen Pheider und ich letztendlich zusammen in den Fahrstuhl des Hauses, welcher reichlich Platz für ein kleinwüchsiges Kleinkind bietet. Wir falten und verschränken unsere Körper zu einem einkaufstütengrossen rechteckigen Kästchen, und wählen auf dem Tastenfeld den 5. Stock, wo Thomas unsere Schlafstätte vermutet. Nachdem wir wie zwei hirnlose Kadaver im zweiten Stock aussteigen, nicht einmal bemerken dass wohl ein kleiner Scherzbold alle Stockwerk-Tasten gedrückt hatte, und dann Thomas mit einem zufriedenem Wusst-ich’s-doch-2.-Stock-Lächeln in unserer Wohnung verschwindet, klopfe ich noch einmal kurz meinen Mantel der Gleichgültig ab nach eventuell Entgangenem, und folge ihm dann vorsichtig in die Kammer. Die Zimmerchen mit ihren Bettchen und ihren gar niedlichen Fensterchen und Schränkchen erinnern mich irgendwie an die Zeiten, als bei uns im „Holiday Park“ noch kleine Menschen in kleinen Waggons dem zahlenden Publikum als Attraktion vorgeführt wurden. Mir wird schlagartig bewusst, welches Leid diese Menschen wohl erfahren haben mussten, in diesen viel zu kleinen Behausungen. Bevor ich nun meinen üblichen Schwall von Unmutsäusserungen und Quengeleien über meine Mitreisenden und unser sympatisches Liliputquartier ergiesen kann, erklärt mir Thomas noch schnell die Zimmeraufteilung. Nachdem wir unsere Klamotten wild und willenlos im Raum verteilt haben, und auch die übliche Verschmutzung der Wohnung in Gang gesetzt ist, bleibt noch ein kurzes Weilchen zur persönlichen Einkehr und Reflektion. Wiederum kurz bevor ich richtig zur Ruhe komme, so etwa zwischen kaltem Schweissausbruch und juckendem Kammerflimmern, beginnt auch schon der nächste und eigentliche Hauptabschnitt des Tages: Das Konzert im Zosch-Club. Unsere heutige Spielstätte wirkt von weitem wirklich auffällig und unscheinbar zu gleich. Wie der unkontrolliert wachsende Schambesen einer 70er-Jahre-Domina ragt die äussere Flora des Clubs ins vorbeirauschende Verkehrsgeschehen. „Uriges Schlingpflanzen-Eldorado mit deutlichem Unscheinbarkeitsvorteil“, schreibe ich in Gedanken in eine mögliche Wohnungsannonce. Es gibt eindeutig gewisse Parallelen zu militärischen Stellungen, die z.B. wichtige Offiziere und Dokumente beherbergen und auf keinen Fall entdeckt werden dürfen. Jedoch verrät das ca. 10 mm² grosse Schild über der Eingangstür letztendlich dann doch dieses militärische Schlupfloch an vorbeilaufende Passanten. Als der Bus schliesslich vorm Zosch-Club ausrollt, und der 18-liter-Hubraum-Motor mit einem leisen Gurgeln und Schmatzen zur Ruhe kommt, öffne ich gekonnt die Seitentür, reiße dabei zum wiederholten Male den ledernen Türgriff ab und hänge ihn zum wiederholten male behelfsmässig zurück in die herausstehende Holzsschraube. Nachdem ich den Bus mit einem rücklings angesprungenen Bückling verlassen habe, erkenne ich sofort, dass Kevin bereits mit einem Bier und einer halbgerauchten Zigarette inmitten des Außenbereichs sitzt und sich angeregt mit Berliner Kneipengängern unterhält. Pheider steht etwas weiter hinten, vertieft in makroskopische Aufnahmen eines namenlosen Farb- und Formenspiels. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass Thomas mittlerweile bereits den halben Bus ausgeräumt hat, was sich auch an den nun häufigeren Äusserungen wie z.B. „Hopp!“ oder „Ey, Leute, …“ erkennen läßt. Ich überlege kurz, ob ich die gemeinsame Aufbauphase evtl. durch eine vorgetäuschte Durchfallattacke vermeiden könnte, wandle dann aber zurück auf den Weg der Tugend und trage eine kleine Plastiktüte, voller Geräte die wir heute abend nicht brauchen, hinein in die Spielstätte. Der „Zosch“ ist von innen durchaus nett anzuschauen, oben schön, unten im Kellergewölbe lockt heisses Halbdunkel. Im oberen Bereich geben sich freche alternde Schachbrettmusterböden die Hand mit aufdringlichen Spiegelinstallationen. Eine leicht genervte Mitdreißigerin verweilt mittlerweile gläsertrocknend hinter dem leeren Tresen und beobachtet anteilnahmslos das Treiben. Durchnässt und durstig von meinem aufopferungsvollen Tüten-Kraftakt frage ich höfflich aber etwas heisser die nette Glaspoliteuse am Tresen, ob wir denn als Band kostenlos Getränke bekämen. Wir müssten erst auf den Bar-Mann warten, entgegnet sie, aber dann gäbe es einen Kasten Bier für jeden. WOW! Pheider’s Augen leuchten sofort auf wie ein elektrischer 110-Volt-Weihnachtsbaum an einer 220-Volt-Steckdose. Nach kurzem Nachfragen erklärt die Thekendame dann, dass natürlich nur jede Band einen Kasten bekommt, worauf sich sogleich wieder allgemeine Ernüchterung und Perspektivlosigkeit breitmacht. Nun beginnt auch schon die offizielle Zeit bis zum Konzert. Schnell erkunden wir die Räumlichkeiten und machen uns artig mit der dritten Band des Abends vertraut. Die Jungs und Mädels wirken auf uns noch relativ jung, machen aber schon ordentliche Musik. Jetzt noch flugs den Kram auf die mittelalterliche Klosterbühne gestellt, wo wohl schon vor hunderten von Jahren die rauhen Rittersleut den frohlockenden Burgfräuleins den Schritt klamm gespielt hatten. Der Soundcheck ist ebenfalls schnell abgewickelt, da alle mit anpacken und die Haustechnik sich gnädig gestimmt gibt. Lediglich mein abgebrochener Lautstärkeknopf am Verstärker entlockt mir zwischenzeitlich noch eine kleine Zeter-und-Mordio Vorstellung, allerdings lasse ich mich gerne besänftigen, da mir das kleine Handicap in der später zu erwartenden Lautstärkediskussion gewisse Vorteile bringen wird. Kurz nach 9 beginnt dann auch schon unsere Show. Wir sind diesmal schon ein bisschen aufgeregt, da sich vor der Bühne unangekündigt Zuschauer versammelt haben, und auch ein paar prominente Kollegen von Thomas, teilweise bekannt aus Rundfunk und Fernsehen (ausser für Pheider, da er keinen Fernseher hat), sich ihr Stelldichein geben. Heute zählt’s. Heute muss was gehen! Wir spielen uns in den ersten Liedern direkt heiss, wie eine feuerrotglühende Paprikasalami und speien unsere brennenden Harmonien in den gefühlt vollen Zuschauerraum. Die Tatsache, dass mir Samu mit allem diplomatischen Geschick später erklärt hatte, dass ich auf der Bühne wie ein „gekrümmter Pirat – nein, ein Alkoholiker“ aussehe, nimmt mir im Nachhinein ein bisschen von diesem guten Gefühl dass wir heute alle hatten, aber wir mussten hinterher trotzdem mal wieder alle eingestehen, dass das das beste Gig der Tour bisher war. Nach uns geben sich dann noch die Jungs von KuMuSu (wir vermuten es bedeutet so was wie „Kultur, Musik und sichere Unterhaltung“) und Herr Stilz die Klinke in die Hand, und ich werde nicht müde zu erwähnen, dass Herr Stilz wieder mal allen die Show stehlen, und am Ende gerechtfertigterweise mit Zugaben nur so um sich hauen. Nachdem die letzten Appläuse und Stilz-Comedy-Lacher verklungen sind, versammelt sich die Mannschaft wieder fröhlich und sich zuprostend an der Theke im heiss-gekochten Dunkelkeller, und läst den strichlistenbedienenden Bar-MeisterProper den Stift nicht mehr aus der Hand legen. Einige strichgelistete Kästen Bier und Bandkassen-Euro später verlagert sich das Geschehen mehr und mehr in den ebenerdigliegenden Frontbereich des Zosch. Einer von uns hat mittlerweile auf Grund der zurückliegenden Vereinigung mit Schnäpsen und Bieren im gemütlichen Bus Platz genommen, und sich in einer Säuglings-Mikado-artigen Kauerstellung ins Traumland gebracht. Nachdem wir die Tür öffnen, um nach Lebenszeichen Ausschau zu halten, wird uns das Weiterleben spontan durch einen sauren Regen aus Kartoffel- und Wurststücken bestätigt. Durch die folgende Genesung unseres angeschlagenen Mithelden lockert sich die Atmosphäre wieder, und die übriggebliebene Meute entscheidet sich für das Weiterziehen in eine naheliegende Cocktailbar. Hier werden die übrigen Stunden des Abends/Morgens verbracht bei immer noch heiteren Gesprächen und mittlerweile quälender Müdigkeit. Kurz bevor der nächste Tag anbricht und die Nacht vollkommen durch unüberlegtes Handeln verwirkt ist, kommt es noch zur menschlichen Katastrophe bei der Rückkehr zur Schlafstätte. Durch eine hochexplosive Mischung aus Müdigkeit, vergessener Schlüssel, einer endlos-redenden Taxifahrerin, Gleichgültigkeit, 37 EUR weniger, dem schönen Berlin bei Sonnenaufgang und einer Türklingelattrappe erreiche ich, dass ein Teil der Mannschaft im Park schlafen muss, und es nicht in das geteilte Appartement schafft. Hierdurch ziehe ich natürlich die Anerkennung aller auf mich und schaffe letztendlich die Basis für das traurige Finale am folgenden Tag… |
08.+09. August: Das Ende vom Lied Jetzt ist wirklich nicht mehr viel mit uns los. Die zweite verlorene Nacht liegt hinter uns, katastrophengeschwängert und körperverzehrend, und wir hängen sichtlich sterbend im Bandbus, die Köpfe an die Scheiben gepresst, von der Sonne direkt scharf angebraten und gewürzt. Die Musik ist nun deutlich leiser geworden, die Luft im Bus etwas weniger euphorisierend als noch einige Tage zuvor (das mag allerdings auch an den Socken und verschimmelten Handtüchern liegen). Das nächste Ziel, was war es noch gleich – ja richtig, Bardenitz alias Berlin Dessau alias Treuenbritzen alias der schönste Spargelhof world wide. Es tut eigentlich gar nichts zur Sache wie man es nennt, wichtig ist wie man den Anblick verkraftet, wenn man vorbeifährt. Doch der Reihe nach. Am nächsten Tag erwachen wir in unserem schmucken Garten-Hexenhäuschen, begleitet von süß-säuselndem Stilz-Geschnarche. Es ist 6:30, also definitiv noch zu früh um fröhlich zu sein, und insgesamt betrachtet auch schon zu spät, auf dieser Tour. Wir packen unsere sieben Sachen, werfen noch einen letzten liebevollen Blick auf die zwischen uns herumliegenden Personal-Reste von Herr Stilz, und laufen dann durch den noch dunkel und kühl beginnenden Morgen, über das taufeuchte Gras des hinteren Hinter-Gartens, zu unserem Bus. Ohne Würfeln und Stöckchenziehen nehme ich auf dem Fahrersitz Platz, und freue mich auf ausgelassene stundenlange Gas- und Bremsspielchen mit Todesgefahr. Ohne ein Wort zu wechseln fahren wir die 30 km zu Thomas’ Wunschbahnhof, wo er uns in einen wartenden ICE verlässt, um die schnelle (und sichere) Heimreise nach München anzutreten. Hiermit ist die Tour eigentlich offiziell zu Ende. Wir verlassen nach und nach die Karawane und kehren zurück in unser gewohntes Leben. Eigentlich muss ich nun nicht wirklich traurig sein, denn wir haben in der Tat unser gewagtes Motto voll und ganz erfüllt: „This time we’re not gonna split up“. Und auch wenn die Zerwürfnisse diesmal wirklich sehr heftig waren und einige von uns haben zweifeln und Dinge in Frage stellen lassen, so werden wir uns wohl wieder zusammenraufen und weitermachen. Was auch sonst. Wir lieben was wir tun, auch wenn es uns an die Grenzen bringt. Und wenn man unseren Tourplan oben genau studiert hat, dann fällt auch sicher auf, dass wir das nächste Konzert am 28. August aus Marketing-Gründen zur Tour dazudeklariert haben. Man kann also sagen, dass wir eigentlich noch auf Tour sind, aber erst einmal 20 Tage „Day-Off“ genießen. Also, Leute, weiter geht’s! Ich hoffe wir sehen uns bei SOUND OF THE FORREST … Danke für’s Zuhören. |